Die Farm

Der Erdkinderplan auf der Montessori Farm Aulendiebach

Erfahrungen zur Implementierung des Lernortes Farm in eine bestehende Montessori-Sekundarstufe

(1) Vorbereitungen

Schon länger reifte in uns die Idee, den Erdkinderplan von Maria Montessori 1:1 auf einer Farm umzusetzen. Irgendwie hat das Schicksal es dann für uns entschieden, dass der Plan im März 2018 konkret wurde, als wir die Räumlichkeiten des Bauernhofes in der Langgasse 21 und die dazugehörigen Menschen kennen lernten, die unschätzbar wertvolle Experten und wunderbare Persönlichkeiten sind.

Im Mai 2018 begannen wir dann mit dem Umzug von Gelnhausen nach Aulendiebach, den wir Ende Juni abschlossen. Als Houseparents wohnten wir, meine Frau Martina, meine Tochter Mirja und ich, nun auf der Farm. Parallel dazu boten wir unser Konzept mehreren Schulträgern an – wobei wir den idealen Partner schnell gefunden haben – die Bilinguale Montessori-Schule in Ingelheim.

Dann kam Eduardo, unser Farm Manager, hinzu. Den Juli, August und September 2018 nutzten wir, um die Umgebung vorzubereiten: Betten aufbauen, Küche und Wohnzimmer einrichten, Ställe ausräumen, Brandschutzanlage installieren, Wochenpläne gestalten, Inhalte recherchieren, die Umgebung kennen lernen, studieren, Mahlzeiten ausprobieren, stundenlange Gespräche führen und vieles mehr….

Inspiriert wurden wir alle auf einer Ausbildung in Schweden, der “Orientation for Adolescent Studies”, die Eduardo und ich im Sommer 2016 absolvierten. Parallel dazu besuchte ich mit Martina und Mirja einige Male den Bauernhof in Rydet/Sätila, der seit einigen Jahren den Erdkinderplan auf dem Land erfolgreich umsetzt. Wir waren immer begeistert, wie gut die Pädagogik in Schweden funktionierte. Wir wussten also ziemlich genau, was wir wollten – nun gilt es, die Bedingungen vor Ort auf Basis der Theorie, die wir gelernt und beobachtet haben, zu entwickeln. Unser Ziel ist, die Jugendlichen einer altersgemischten Community so zu begleiten, dass sie die Farm regelmäßig, über das ganze Jahr hinweg, betreiben können. Extensiv, aber so, dass die entstehenden Kosten und der Lebensunterhalt für die Gruppe auf lange Sicht selbst erwirtschaftet werden können. Dabei ist sehr wichtig, dass die Jugendlichen für einen gewissen Zeitraum miteinander als Lebensgemeinschaft agieren. Dazu gehören Übernachtungen und die Verantwortung für den Haushalt und alle dazugehörigen Pflichten. Man muss dies erlebt haben, um nachzuvollziehen, was das bedeutet.

(2) Ende September 2018: die Apfelernte-

erste Erfahrungen mit Jugendlichen auf der Farm

Um die Farm als Lernort der Gemeinschaft der Jugendlichen in Ingelheim vorzustellen und erlebbar zu machen, begannen wir im September mit dem “Apfelernte-Projekt”. Während der Apfelernte besuchten Schüler aller Lerngruppen der Sekundarstufe der Bilingualen Montessori-Schule die Farm, um Apfelsaft zu pressen und zu verkaufen (Lerngruppen Orion, Galaxy, Milky Way und Sirius). Die Fahrten dauerten jeweils drei Tage (zwei Übernachtungen). Über 70% der Sekundarstufenschüler in Ingelheim lernten die Farm in dieser Zeit freiwillig kennen. Die Apfelernte dauerte den ganzen September und Oktober. Selbst in der ersten Novemberwoche wurde noch einmal geerntet. Danach wurde der Saft auf Schulveranstaltungen in Ingelheim verkauft. Die Einnahmen davon werden den jeweiligen Klassenkassen zugeführt.

(3) Winter 2018/2019: Kompetenztraining mit der Stufe 7/8

Im Anschluss an die Apfelernte planten wir Fahrten mit den beiden Lerngruppen der 7/8, die Klassen Orion und Galaxy. Diese dauern momentan, im Januar und Februar 2019, noch an. Ziel dieser Fahrten ist, die Klassengemeinschaft in den beiden Klassen zu stärken, praktisches und akademisches Arbeiten zu verknüpfen und die vorbereitete Umgebung der Farm weiter auf einen regelmäßigen Betrieb im nächsten Schuljahr 2019/2020 vorzubereiten. Während die Klasse Orion Ende 2018 den Garten weiter strukturierte, die Öffentlichkeitsarbeit der Farm vorantrieb, das ökologische Kompostieren einführte und die Tierhaltung für Hühner und Schafe vorbereitete, kümmert sich die Klasse Galaxy nun um eine Außenterrasse, den nachhaltigen Umgang mit Müll und um die Vorbereitung von Bienenhaltung. Dabei arbeiten die Jugendlichen nicht nur praktisch, sondern werden Experten, lernen Hintergründe kennen und präsentieren ihre Ergebnisse. Mit ihrer Arbeit sind beide Klassen maßgeblich an der Umsetzung des Farmkonzeptes beteiligt und setzen wichtige Grundsteine, die unser Arbeiten auf Jahre prägen wird. Wir sind schon jetzt sehr angetan von der Arbeit der Jugendlichen.

Ein Meilenstein auf diesem Weg war der Elternbesuchstag am 8. Dezember 2018, den Schüler der Klasse Orion vorbereitet haben und an dem sich viele Eltern der Bilingualen Montessori-Schule einen Einblick in unsere Arbeit verschafft haben.

(4) März 2019: Begleitende Fortbildungen 

Ein weiterer Meilenstein steht uns im Frühjahr bevor. Im März 2019 wird die Farm in Aulendiebach Gastgeber des “AMI Adolescent Introductory Workshop” sein, der von Jenny Marie Höglund durchgeführt wird. Jenny Marie Höglund ist AMI-Trainerin für die zweite (6-12) und dritte (12-18) Entwicklungsstufe. Sie hat die AMI-Diplome 3-6 und 6-12, ist AMI-Trainerin 6-12 und hält seit 2006 Vorträge im internationalen Ausbildungszentrum in Bergamo. Seit 2014 leitet sie auf der Montessori Farm in Rydet in Schweden die “Orientation for Adolescent Studies”. An unserem Workshop, der einen Einblick in diese Arbeit gibt, nehmen neben dem Team der Sekundarstufe in Ingelheim auch Montessoripädagogen aus Tschechien, Spanien, Slowenien, Österreich, der Slowakei und den USA teil. Der Austausch wird sehr wertvoll für uns werden. Einige der Lernbegleiter der Ingelheimer Schule streben zusätzlich eine „Orientation to Adolescent Studies“ im Sommer 2019 an. Diese wird sie dazu befähigen, altersgemischte „Adolescent Communities“ im Schuljahr 2019/2020 zu begleiten.

Schüler der Bilingualen Montessori-Schule übernehmen die Bewirtung der Gäste.

(5) Frühjahr 2019: Themenbezogene Projektfahrten zur weiteren Entwicklung

Im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 2019 schließen sich die Projektfahrten des Wahlpflichtunterrichtes der Bilingualen Montessori-Schule Ingelheim an. Die “PAs” werden der Farm in ihren verschiedenen Kompetenzbereichen einen weiteren Feinschliff verpassen. Die PA “IT” wird sich unserer digitalen Infrastruktur annehmen, die Gruppe “Kreativwerkstatt” wird eine Kunstwerkstatt aufbauen, die Gruppen “Grüner Daumen” und “Hildegart” den Garten nutzen und bewirtschaften. Die Musicalgruppe wird sich auf ihren Auftritt zum Schuljahresende vorbereiten und die Schülerzeitung kann kommunikative Prozesse und die Außendarstellung vorantreiben. Die Gruppe “Sport und Event” hat die Möglichkeit, Eventkonzepte auf der Farm umzusetzen und voranzutreiben sowie Sportangebote für die Besucher der Farm zu entwickeln.

(6) Schuljahr 2019/2020: die Zukunft

Nach dem Pilotjahr 2018/2019 werden wir im Schuljahr 2019/2020 mit einer festen Gruppe auf der Farm agieren, die regelmäßig auf der Farm arbeitet und diese mit zunehmender Eigenverantwortung bewirtschaftet. Die Schüler, die die Farm im kommenden Schuljahr regelmäßig betreuen, werden mindestens eine und maximal zwei Wochen im Monat auf der Farm sein. Komplizierte organisatorische Abläufe werden für diese Schüler zu Routinen und neue Herausforderungen im akademischen, künstlerischen oder praktischen Bereich können bewältigt werden. Die Farm wird zum “Center of Study and Work”, an dem sowohl praktisch als auch akademisch gearbeitet wird.
Ergänzend dazu finden Projektfahrten auf die Farm mit den anderen Klassen und Gruppen der Bilingualen Montessorischule in Ingelheim statt, die sporadisch stattfinden, je nach Wunsch der Schüler und Lernbegleiter (nach Vorbild der Apfelernte im Pilotschuljahr 2018/2019).
Die Altersmischung der Schule wird im kommenden Schuljahr dabei 3 statt 2 Jahre umfassen (7/8/9).
Mit diesem Modell können wir verschiedene Bedürfnisse der Community der Jugendlichen aus Ingelheim individuell berücksichtigen und gleichzeitig die Ingelheimer Schule im Sinne des Erdkinderplans weiterentwickeln, weil wir Maria Montessoris Konzept vom Erdkinderplan in das Herz der Schule tragen.

Fazit:

Die Farm ist ein Konzept, welches nicht nur in der Theorie auf einem Papier stehen sollte. Es ist ein Konzept, was man erleben muss, um es ganzheitlich zu verstehen und davon zu lernen. Unsere Grundidee ist deshalb, die Farm mit ausgebildeten Fachkräften in einer möglichst idealen Form im System der partizipierenden Schule zu implementieren, in einem zeitlichen Rahmen, der für die Schüler und Lernbegleiter vertretbar und umsetzbar ist.

Die Farm wird zum Motor der pädagogischen Entwicklung der kooperierenden Sekundarstufe. Die Schüler und Lernbegleiter auf der Farm werden zu Botschaftern und Experten des Erdkinderplans.
Lerngruppen, die nicht permanent auf der Farm arbeiten, werden Charakteristika des Arbeitens auf der Farm kennen lernen und idealerweise übernehmen.
Hierzu gehört zum Beispiel das fächerübergreifende Arbeiten und Lernen auf Basis einer gut geplanten vorbereiteten Lernumgebung oder das individuelle und achtsame Begleiten der Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, welches, auch wenn es im Schulalltag schon praktiziert wird, durch das gemeinsame Leben auf der Farm eine andere Dimension erfährt. Bei der ganzheitlichen Beobachtung und dem Erleben der Jugendlichen in ihrer charakteristischen Entwicklungsstufe gewinnt man auf der Farm weitaus mehr und intensivere Erkenntnisse über die zu begleitenden Schüler als in einem herkömmlichen Schulsetting von 8:00 bis 15:00 Uhr.

Durch die Implementierung einer festen Gruppe und punktuelle Projekte der anderen Lerngruppen sowie Fortbildungen der Lernbegleiter kann die Pädagogik von Maria Montessoris Erdkinderplan praktisch erlebbar und verstehbar gemacht werden und Entwicklungsprozesse beschleunigen. Dies wird uns ermöglichen, parallel zur Farm in Aulendiebach neue Lernräume im Umfeld der teilnehmenden Schule zu erschließen, die als “Center of Study and Work” ausgebaut werden.

Lars Prignitz
Leiter und Houseparent der Montessori Farm Aulendiebach
Schulleiter im Schulleitungsteam der Bilingualen Montessori-Schule Ingelheim

 


Infos zur physischen Lernumgebung unserer Farm:

Das Bauern- Fachwerkhaus aus 1830 liegt im Zentrum unserer Farm. Es ist ein Kulturdenkmal mit erlebbarer Geschichte, ein Musterhof des frühen 19.Jahrhunderts. Die erste Etage ist komplett für unsere Gäste ausgebaut. Dort findet man drei Schlafzimmer, ein geräumiges Bad und ein Wohnzimmer.
Wir haben Platz für 11 Schüler und einen Betreuer.
Im Erdgeschoss befindet sich die geräumige Küche mit Essbereich,
ein weiteres Bad, ein weiteres WC und der Waschraum. Hier liegt auch das Zimmer des Farm-Managers. Im Dachgeschoss befindet sich die Wohnung der Houseparents.

Unser großen Garten bietet eine Außenküche, einen Gemüse- und Kräutergarten sowie diverse Obstbäume. Unsere Koppel kann für Tierhaltung genutzt werden. Die Streuobstwiese mit unzähligen Apfelbäumen kann für Bienenhaltung genutzt werden. Eine Scheune mit ehemaligen Stallungen bietet Ausbaureserven in der Zukunft.